pilum

2013/08/14

Dichtung und Wahrheit | Titel, Wissen, Job

Filed under: mehr als IT. deutsch. — Tags: , , — supernova @ 12:15 AM

Dass Wissen das grösste Kapital unserer Zeit ist, steht kaum in Frage. Oder reden wir nur von Titeln?

2011 ist einem deutschen Politiker der Doktortitel aufgrund einer Plagiatsaffäre aberkannt worden. Seit diesem Zeitpunkt scheinen sich die Entdeckungen von Arbeiten, die sich entweder durch einen etwas lockeren Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer auszeichnen oder gekauft sind, zu häufen.

Letzten Monat hat die ETH einer Politikerin einen Abschluss aberkannt, weil sie mit fremdem Wissen hausiert hat. Die Betroffene hat sich abwechslungsweise mit Unwissen bezüglich der Zitierungsregeln und einem politischen Angriff seitens ihrer Gegner herausgeredet. Die Hochschule hat ein klares Regelwerk dazu, was das vorgeschützte Unwissen – das, wie eine Politikerin zweifelsohne weiss, vor Strafe nicht schützt – gegenstandslos macht.

Seit ein paar Tagen wissen wir auch, dass der Direktor der Informations- und Kommunikationstechnologie am Universitätsspital Zürich seinen Posten räumen wird, weil sein Doktorgrad von einer zwar nicht akkreditierten, aber dafür käuflichen amerikanischen Universität stammt.

Natürlich schliesst das keineswegs aus, dass diese Personen einen tadellosen Job machen und tatsächlich gebildet sind.

Dennoch beleuchten die fremden Federn eine andere Facette meines aktuellen Themas, das sich mit Fiktion und Wirklichkeit befasst. Die fiktiven Titel führen im einen oder anderen Fall wohl zu sehr realen Ergebnissen in Form höherer Positionen. Nur jene, welche das Pech haben, erwischt zu werden, fallen – zumindest vorübergehend – vom Olymp.

Vertrat Gottfried Keller noch die Ansicht, dass Kleider Leute machen, scheint diese Weisheit ein Update erhalten zu haben. Titel bedeuten automatisch Bildung und Wissen.

Bevor Sie fragen: die Autorin führt keinen Doktortitel; nicht einmal für Projektrettung.

***

Wenn Sie die früheren Artikel zu diesem Thema lesen möchten, folgen Sie bitte diesen Links:

2013/08/07

Dichtung und Wahrheit | Serien

In der letzten Geschichte habe ich über Realität, die nicht sichtbar ist  und Fiktionen, die real erscheinen, sinniert.

Die sichtbarste Form der Fiktion ist das Geschäft der Filmindustrie. Daran ist nichts auszusetzen, weil wir genau das erwarten, schliesslich wollen wir vom Alltag abgelenkt und unterhalten werden.

Ausdrücklich davon ausnehmen möchte ich Dokumentarfilme, weil deren Ziel ein anderes ist und es zynisch wäre, Berichte über Kriegsgeschehen unter den Verdacht der Fiktion zu stellen.

Zurück zur Filmunterhaltung. Obwohl wir wissen, dass die Geschichten erfunden und die Schauspieler nicht mit den von ihnen dargestellten Figuren identisch sind, scheint es auf uns anders zu wirken. Zumindest ist das eine mögliche Erklärung dafür, warum einige Schauspieler – manchmal selbst gegen ihren eigenen Wunsch – immer ähnliche Rollen besetzen. Insider meinen vielleicht, dass jemand für das Fach des Dramas besser geeignet sei, als für Komödien und umgekehrt oder Filmgesellschaften wollen ein gut funktionierendes System nicht unterbrechen.

Dennoch scheint das nur die halbe Wahrheit zu sein. Das Fernsehen beglückt uns mit einer nicht enden wollenden Anzahl von Serien. Dieses Sendungsformat zeichnet sich dadurch aus, dass die einzelnen Episoden zwar jeweils in sich abgeschlossene Geschichten sind, jedoch alle Episoden mit denselben Rollen besetzt sind. Jede Serie hat bestimmte Muster, die von einer Episode zur andren nur leicht variieren.

Von „Lassie“ über „Bonanza“ bis zu den Simpsons kennen wir das Standard-Team, das eine verschworene Gemeinschaft gegen den Rest der Welt darstellt. Sie müssen zugeben, dass sich das alles sehr repetitiv und langweilig anhört. Dennoch scheinen Serien oder gewisse Charaktere einen Platz in unserem Wohnzimmer zu finden und wenn man die Anzahl der Episoden gewisser Serien betrachtet, dauert es offensichtlich sehr lange, bis wir die Geduld verlieren und sie aus dem Haus werfen. Vielleicht bringen Serien eine Art Stabilität in den hektischen Alltag und bilden einen wohltuenden Gegensatz zu den Nachrichten.

Serien sind auch ein Forschungsobjekt der Medienwissenschaften.  Die Untersuchungsergebnisse sind mir nicht bekannt, aber ich glaube, dass diese fiktiven Charaktere uns aus unterschiedlichen Gründen sympathisch – oder auch nicht – sind. Ob es echte Schauspieler oder Comic-Figuren sind, scheint auch keine Rolle zu spielen. Der gelbe Bart Simpson mit seiner Igelfrisur erfreut sich vermutlich grösserer Beliebtheit als der coolste Kommissar einer Krimi-Serie. Ich selbst ziehe Wilma Flintstone – die Comic-Figur -  jedem anderen Serien-Star vor.  Warum? Sie bringt mich zum Lachen, was schon ziemlich real ist, oder?

***

Wenn Sie den vorhergehenden Artikel zu diesem Thema lesen möchten, klicken Sie bitte folgenden Link

 

2013/07/31

Story 08 | 2013 | Dichtung und Wahrheit.

Filed under: story.deutsch. — Tags: , , — supernova @ 12:05 AM

Kennen Sie Robert Langdon? Nein? Ich bitte Sie, der Mann ist immerhin Harvard-Professor und ein angesehener Historiker.

Wenn ich dieselbe Frage zu Goethe stelle, werden Sie alle denken: „Klar, kenn ich Goethe, für wie dämlich hält die mich?!“ Mit Sicherheit werden Sie wissen, dass er ein grosser Dichter war und vermutlich ist ihnen auch bekannt, dass er sich auch als Maler, Wissenschaftler und Staatsmann betätigte.

Wissen Sie was? Sie kennen Goethe eigentlich genauso wenig wie Langdon. Für alle, die – im Gegensatz zu mir – die Romane des Schriftstellers Dan Brown nicht verschlingen: Robert Langdon ist eine Kunstfigur und der Protagonist in vier von Dan Browns Romanen. In den verfilmten Werken wurde er bisher von Tom Hanks dargestellt.

 

Ich gebe zu, dass Goethes reale Existenz ziemlich gut dokumentiert ist, wir können erhaltene Briefe, die er geschrieben bzw. bekommen hat, lesen, den „Faust“ oder seine Farbenlehre studieren. Aber was sagt das darüber aus, wie die Person Johann Wolfgang Goethe wirklich war? Nicht viel, meine ich. Selbst, wenn wir seine Autobiografie lesen, deren Titel ich für diesen Artikel übernommen habe, lesen wir nur das, was der Autor uns wissen lassen will. Vielleicht wäre er ja sehr betupft, dass seine Überschrift für eine profane Kolumne hergenommen wurde.

Dan Brown hat seinen Protagonisten – wie jeder Schriftsteller es tut – mit einer Biografie und ein paar Eigenheiten und Schwächen ausgestattet. Immerhin weiss man beispielsweise, dass der Professor an Klaustrophobie leidet. Wissen Sie, ob Goethe kleine geschlossene Räume mied? Aus erster Hand, meine ich. Ich muss leider passen.

Passen muss ich auch bei der Definition von Realität, denn wenn ich über Browns Romanfigur oder über Goethe nachdenke, erscheinen sie in  meinem Kopf mit demselben Grad an Echtheit. Offenbar sind auch Dinge, die wir nicht sehen oder anfassen können, Realität. Zumindest halte ich meine Gedanken, auch wenn sie sich mit künstlichen Professoren befassen, für real.

In den folgenden Artikeln werde ich dafür plädieren, dass Dichtung und Wahrheit sich zu überschneiden scheinen bzw. wir sie nicht so klar voneinander trennen können, wie landläufig angenommen wird und wie sehr sich dieser Umstand auch in der Informatik bemerkbar macht.

Bis nächsten Mittwoch.